Buchbesprechung

 

Und was für Fotos !

 

 

Michael   U n t c h     „Oboenrohrbau in Bildern „.

 

Eine fotografische Bauanleitung für Anfänger und Fortgeschrittene.

Maria – Thann: Eigenverlag 2000.  214 Seiten, gebunden/Hochglanz

 

 

Herstellung, Spielwilligkeit, Farbe und Intonationsverhalten des Oboenrohres sind Gegenstand oft scheinbar endloser Debatten. Kaum ein Bläser (ich habe zumindest in den letzten dreißig Jahren keinen getroffen), der nicht irgendwas am Rohr auszusetzen hat. Nun ist wohl bei keinem Blasinstrument der Tongenerator derart heikel wie der bei der Oboe und ihren Nebeninstrumenten. Vornehmlich Semiprofessionals und Amateure (in des Wortes bestem Sinne) bringen die Zeit zum Selbstbau von Rohren nicht auf oder haben es nie gründlich gelernt. Wer von seinem Lehrer oder einem befreundeten Bläser versorgt wird, hat es gut, auch wenn die Rohre auch nicht immer passen und deshalb nachgearbeitet werden müssen.

 

In den letzten Jahren haben sich etliche Firmen auf dem Rohrbau spezialisiert und liefern gutes Material. Zu den führenden Anbietern in diesem Bereich zählt Michael Untch, der gemeinsam mit seiner Frau Annemarie in dem kleinen Ort Maria-Thann in der Nähe von Wangen im Allgäu eine Rohrbauwerkstatt betreibt. Als studierter Oboist und Oboenpädagoge weiß er, wo bei seinen Kunden die Probleme liegen und kann ganz individuell Abhilfe schaffen. Nicht nur seine Rohre werden weltweit geschätzt (die Kundenkartei enthält 3.500 Adressen), er hat unter seinen Schülern etliche Bundespreisträger bei „Jugend musiziert“ und zwischenzeitlich examinierte Oboisten.

 

In seiner vollausgebauten Werkstatt finden sich vornehmlich Maschinen eigener Konstruktion und Fertigung, die es seriell hergestellte nicht zu kaufen gibt. Stolz ist Michael Untch auf die von ihm entwickelte computergesteuerte Mess- und Sortiermaschine für Hölzer, ein absolutes Novum in diesem Bereich. Seine regelmäßig abgehaltene Rohrbaukurse brachten ihn auf die Idee, ein Buch herauszubringen, das den Fertigungsvorgang in vielen Bildern differenziert aufschlüsselt und somit ein Erlernen dieser Kunst ermöglicht.

 

Das Buch besticht schon äußerlich durch erstklassigen Druck und solide Bindung und bietet sich von daher als echtes Arbeitsmittel an, dem häufiges Blättern nichts schaden wird. Außer dem Vorwort (u.a. auch in Japanisch, Koreanisch, Chinesisch und Russisch) und einen Hinweis auf die Aktivitäten der Familie Untch enthält es ausschließlich Fotos. Und was für Fotos! Schwarzweiß vom besten mit viel Tiefe, schönen Lichtern und Konturen selbst in den Schattenpartien – allein von daher (auch für Nicht-Oboisten) eine Freude. Endsprechend hoch ist die Informationsdichte, alles Wesentliche wird erläutert, und der technische Aufbau von Vorrichtungen und Maschinen ist nachvollziehbar, selbst für den auf diesem Gebiet nicht so Bewanderten. Zudem wird immer eine rein manuelle Alternative angeführt. Die Fotos stammen vom Autor, der sich als Student mit Fotografieren nebenbei Geld verdiente. Ferner liegt der Vorteil darin, dass er alle Aufnahmen selbst anfertigen und printen konnte.

 

Untch macht übrigens kein Geheimnis aus seinen Maschinen; aufgrund der Abbildungen könnte sie ein geschickter  Mechaniker oder Ingenieur nachbauen, zumal einige Bauskizzen abfotografiert sind. Wohltuend auch, dass er den gesamten Rohrbau nicht mit irgendwelchen Undurchschaubarkeiten verbrämt.

 

Eröffnet wird der Reigen der über vierhundert Bildern mit Karten und Skizzen des südfranzösischen Anbaugebietes Var, zu dessen führenden Holzlieferanten Untch seit Jahren ein bestes Verhältnis hat, denn nach wie vor gilt:  „Je besser die Holzqualität, um so höher stehen die Chancen, bei genauer Beachtung der Anleitung den schöneren Ton zu treffen“. Sämtliche Fertigungsstufen werden anschließend in den nötigen Schritten dargestellt, wobei Hilfsmittel (z.B.Klebstoff) mit im Bild erscheinen. Gelegentlich findet man handschriftliche Eintragungen zu den Maßen, Drehrichtungen und Wiederholungsvorgängen. Gefahren und deren Vermeidung zeigt er durch Gesichtsikonen (bayerisch Grinserle) an. Der Leser und Betrachter erfährt nicht nur Vielschichtiges zur Rohrherstellung, sondern kann in diesem liebevoll und persönlich gemachten Buch die Werkstatt Untch besuchen.. Obwohl die Bilder und Bildsequenzen so eindeutig gestaltet wurden, dass jeglicher Text überflüssig ist, sofern man systematisch vorgeht, hat Michael Untch inzwischen für die deutschen Leser ein Legende – Beiblatt herausgebracht.

 

Die didaktische Konzeption des vorliegenden Buches ist, den Lernwilligen in überschaubaren Schritten zum Erfolg zu führen. Dieses scheint dem Autor voll und ganz gelungen zu sein. Darüber hinaus verrät es großes Engagement und Hingabe, bedenkt man allein das Aufnehmen und Ausarbeiten von über vierhundert Fotos.
Wer das mal gemacht hat, weiß, dass letztlich nur ein Bruchteil sämtlicher aufgenommener Fotos brauchbar ist. Die Beschränkung auf die Bilddarstellung macht das Buch unabhängig von Sprachunterschieden anwendbar, schließlich ist es ja für Musiker gedacht, die ohnehin  e i n e  Weltsprache sprechen. Jeder ernsthaft an der Oboe und am Oboespiel Interessierte sollte es besitzen, denn selbst erfahrene Rohrbauer werden noch den einen oder anderen Tip entnehmen können.

 

                                                                     Claus  RAUMBERGER

aus  ´rohrblatt , Dezember 2000   Heft 4