Und
was für Fotos !
Michael
U n t c h „Oboenrohrbau in Bildern „.
Eine
fotografische Bauanleitung für Anfänger und Fortgeschrittene.
Herstellung,
Spielwilligkeit, Farbe und Intonationsverhalten des Oboenrohres sind Gegenstand oft scheinbar endloser Debatten. Kaum ein Bläser (ich habe zumindest in den
letzten dreißig Jahren keinen getroffen), der nicht irgendwas am Rohr
auszusetzen hat. Nun ist wohl bei keinem Blasinstrument der Tongenerator derart
heikel wie der bei der Oboe und ihren Nebeninstrumenten. Vornehmlich
Semiprofessionals und Amateure (in des Wortes bestem Sinne) bringen die Zeit zum
Selbstbau von Rohren nicht auf oder haben es nie gründlich gelernt. Wer von
seinem
Lehrer oder einem befreundeten Bläser versorgt wird, hat es gut, auch wenn die
Rohre auch nicht immer passen und deshalb nachgearbeitet werden müssen.
In
den letzten Jahren haben sich etliche Firmen auf dem Rohrbau spezialisiert und
liefern gutes Material. Zu den führenden Anbietern in diesem Bereich zählt
Michael Untch, der gemeinsam mit seiner Frau Annemarie in dem kleinen Ort
Maria-Thann in der Nähe von Wangen im Allgäu eine Rohrbauwerkstatt betreibt.
Als studierter Oboist und Oboenpädagoge weiß er, wo bei seinen Kunden die
Probleme liegen und kann ganz individuell Abhilfe schaffen. Nicht nur seine
Rohre werden weltweit geschätzt (die Kundenkartei enthält 3.500 Adressen), er
hat unter seinen Schülern etliche Bundespreisträger bei „Jugend musiziert“
und zwischenzeitlich examinierte Oboisten.
In
seiner vollausgebauten Werkstatt finden sich vornehmlich Maschinen eigener
Konstruktion und Fertigung, die es seriell hergestellte nicht zu kaufen gibt.
Stolz ist Michael Untch auf die von ihm entwickelte computergesteuerte
Mess- und Sortiermaschine für Hölzer, ein absolutes Novum in diesem Bereich.
Seine regelmäßig abgehaltene Rohrbaukurse brachten ihn auf die Idee, ein Buch
herauszubringen, das den Fertigungsvorgang in vielen Bildern differenziert
aufschlüsselt und somit ein Erlernen dieser Kunst ermöglicht.
Das
Buch besticht schon äußerlich durch erstklassigen Druck und solide Bindung und
bietet sich von daher als echtes Arbeitsmittel an, dem häufiges Blättern
nichts schaden wird. Außer dem Vorwort (u.a. auch in Japanisch, Koreanisch,
Chinesisch und Russisch) und einen Hinweis auf die Aktivitäten der Familie Untch
enthält es ausschließlich Fotos. Und was für Fotos! Schwarzweiß vom
besten mit viel Tiefe, schönen Lichtern und Konturen selbst in den
Schattenpartien – allein von daher (auch für Nicht-Oboisten) eine Freude.
Endsprechend hoch ist die Informationsdichte, alles Wesentliche wird erläutert,
und der technische Aufbau von Vorrichtungen und Maschinen ist nachvollziehbar, selbst für den auf diesem Gebiet nicht
so Bewanderten. Zudem wird immer eine rein manuelle Alternative angeführt. Die
Fotos stammen vom Autor, der sich als Student mit Fotografieren nebenbei Geld
verdiente. Ferner liegt der Vorteil darin, dass er alle Aufnahmen selbst
anfertigen und printen konnte.
Untch
macht übrigens
kein Geheimnis aus seinen Maschinen; aufgrund der Abbildungen könnte sie ein
geschickter Mechaniker oder
Ingenieur nachbauen, zumal einige Bauskizzen abfotografiert sind. Wohltuend
auch, dass er den gesamten Rohrbau nicht mit irgendwelchen Undurchschaubarkeiten
verbrämt.
Eröffnet
wird der Reigen der über vierhundert Bildern mit Karten und Skizzen des südfranzösischen
Anbaugebietes Var, zu dessen führenden Holzlieferanten Untch seit Jahren
ein bestes Verhältnis hat, denn nach wie vor gilt:
„Je besser die Holzqualität, um so höher stehen die Chancen, bei
genauer Beachtung der Anleitung den schöneren Ton zu treffen“. Sämtliche
Fertigungsstufen werden anschließend in den nötigen Schritten dargestellt,
wobei Hilfsmittel (z.B.Klebstoff) mit im Bild erscheinen. Gelegentlich findet
man handschriftliche Eintragungen zu den Maßen, Drehrichtungen und
Wiederholungsvorgängen. Gefahren und deren Vermeidung zeigt er durch
Gesichtsikonen (bayerisch Grinserle) an. Der Leser und Betrachter erfährt nicht
nur Vielschichtiges zur Rohrherstellung, sondern kann in diesem liebevoll und
persönlich gemachten Buch die Werkstatt Untch besuchen.. Obwohl die
Bilder und Bildsequenzen so eindeutig gestaltet wurden, dass jeglicher Text überflüssig
ist, sofern man systematisch vorgeht, hat Michael Untch inzwischen für die
deutschen Leser ein Legende – Beiblatt herausgebracht.
Die
didaktische Konzeption des vorliegenden Buches ist, den Lernwilligen in überschaubaren
Schritten zum Erfolg zu führen. Dieses scheint dem Autor voll und ganz gelungen
zu sein. Darüber hinaus verrät es großes Engagement und Hingabe, bedenkt man
allein das Aufnehmen und Ausarbeiten von über vierhundert Fotos.
Wer das mal gemacht hat, weiß, dass letztlich nur ein Bruchteil sämtlicher
aufgenommener Fotos brauchbar ist. Die Beschränkung auf die Bilddarstellung
macht das Buch unabhängig von Sprachunterschieden anwendbar, schließlich ist
es ja für Musiker gedacht, die ohnehin e
i n e Weltsprache sprechen. Jeder
ernsthaft an der Oboe und am Oboespiel Interessierte sollte es besitzen, denn
selbst erfahrene Rohrbauer werden noch den einen oder anderen Tip entnehmen können.
Claus RAUMBERGER
aus
´rohrblatt , Dezember 2000
Heft 4